Fingerprint Erased

Demontage einer Spur

Ein Video aus Szenen, die während der Demontage gefilmt wurden, und zwei Behälter mit Tausenden gleich großen Stückchen Plastilin – das ist alles, was von Nita Tandons Fingerprint – Die Rückseite
der Vorderseite übrig geblieben ist. Handelt es sich bei Fingerprint um eine Performance, eine Installation, ein Objekt, ein Bild oder eine Skulptur? Die Uneinordenbarkeit ist kein Störfaktor, sondern im Gegenteil das Thema von Fingerprint, einem Spiel mit der Identität, für das ein überdimensionaler Fingerabdruck der Künstlerin das Motiv liefert.

Installiert wurde dieser Fingerabdruck, der einen verpixelten Scan in vier Graustufen darstellt, indem quadratische Plastilinteilchen von etwa acht mal acht Millimeter Größe mit dem Finger auf die Glasfront des Schauraumes der Universität für angewandte Kunst gedrückt wurden. Der Raum blieb während der Installation ungenutzt. Das Publikum, das ihn während der Eröffnung betreten konnte, hatte allerdings die Möglichkeit, dort die Rückseite von Fingerprint zu betrachten, die im Gegenteil zur zweidimensionalen Vorderseite dreidimensional ist; denn auch in dieser Hinsicht
entzieht sich Fingerprint der Festlegung. In der Folge war Fingerprint für mehrere Wochen ausgestellt, die zweidimensionale Darstellung auf der Glasscheibe des Schauraumes konnte von PassantInnen betrachtet werden. Oft ist aus geringer Ferne nicht mehr sichtbar, dass es sich bei dem verwendeten Material um Plastilin handelt. Schließlich wurde das Plastilin entfernt und die Glasscheibe gereinigt. Dass exakt dieser Vorgang der Demontage eines Kunstwerks, der bei Ausstellungen üblicherweise für nicht festhaltenswert erachtet wird, von Nita Tandon dokumentiert wurde, ist eine weitere Umkehrung, die den temporären Charakter von Fingerprint noch verstärkt.

Fingerprint entzieht uns die Begriffe für eine Beschreibung, oder Fingerprint zwingt uns, uns auf eine Definition festzulegen. In dieser Form gelingt es Nita Tandon, den Begriff der Identität nicht analytisch zu bearbeiten, sondern mit rein synthetischen Methoden ein Spiel mit Identität zu betreiben, von dem zuletzt nichts mehr übrig ist als die Erinnerung an eine Dokumentation der Demontage eines Fingerabdrucks.

Daniel Wisser, 2011

Regal

Regal lautet der Titel dieser Arbeit, die Nita Tandons Beitrag zu einer von ihr kuratierten Gruppenausstellung war, die im Untergeschoß ihres Ateliers stattfand. Die Unzugänglichkeit von Raum und
zur Arbeit benötigtem Material während der Vorbereitungsphase und der gesamten Dauer der Ausstellung wurde zum Gegenstand dieser Arbeit. Tandon verstaute die Materialien, mit denen sie gearbeitet hatte, zusammen mit den unfertigen Werken in einem großen Regal, das im Ausstellungsraum eingebaut war, sodass das Kunstwerk und die Voraussetzungen für seine Produktion, Aufbewahrung und Archivierung in einem Objekt vereint waren.

Road Roller

Das digitale, über Internet gefundene, Bild einer Straßenwalze wird manipuliert, projeziert und über Zeichnung als Vorlage in Plastilin übertragen. Der Vorgang der Übertragung ist eine Rückführung vom digitalen Bild in die Materialität. Die Farben des projezierten (Licht-) Bildes werden in der Zeichnung zu präzisen Codes umgewandelt die dann als Vorlage dienen. Das Flachrollen des Materials wird sinnnbildlich von dem Motiv übernommen. Das Bild durchwandert verschiedene Medien und verändert im Prozess der Transformation den Begriff der Zeit.

Fingerprint – Die Rückseite der Vorderseite

Fingerprint – Die Rückseite der Vorderseite

Nita Tandons Installation Fingerprint macht die Diskrepanz zwischen digitalisierter und damit beliebig oft kopierbarer Grafik und der Einzigartigkeit eines analogen Bildes sichtbar. Der Scan des Fingerabdrucks der Künstlerin wird ins Analoge zurückgeführt, indem jedes einzelne Pixel als Plastilinquadrat mit dem Finger auf einer Glasscheibe angebracht wird. Das Verfahren ist ein definitorisches Spiel mit der Festlegung der BetrachterInnen, die die Zuordnungen analog/digital, zweidimensional/dreidimensional, Vorderseite /Rückseite selbst treffen müssen.

Der Fingerabdruck, den das gesamte Bild darstellt, wird auf jedem einzelnen Teil des Bildes hinterlassen: Die Vorderseite wird zur Rückseite und umgekehrt. Im Aufeinandertreffen von Körperlichkeit und Materialität des Plastilins und des Fingers geschieht die Überschneidung und das Ineinandergreifen beider Körper. Im Zuge dieses Transfers findet die Identifikation im Bildlichen und im Konkreten statt.

Der Fingerabdruck als Inbegriff der Feststellung von Identität wird zum Gegenstand der Frage nach Originalität und Serialität.

Daniel Wisser, 2010